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Nadoleczny, Max  1874-1940. Stimmforscher.

nasal singen [von Lilli Lehmann] Durch das - ziemlich weit hinten gelegene - Hinaufziehen, Runden und Breiten der Segel, dem dazu breitgelegten Zungenrücken, die sich eng aneinanderklemmen, schaffen wir das Nasale. Mit dunkeln Vokalen wie ung, ong - hierzu gehört auch diesmal das getrübte ang, weiter hinten, mit hellen Vokalen wie ing, eng, weiter vorne. Es ist mit dem j eng verwandt und schließt die vordere Mundhöhle fast ganz vom Rachen ab. Man kann das Nasale sehr übertreiben - das geschieht überall da, wo der Kehlkopf kein e hineinspricht, die Segel zu hoch gezogen, die Zunge beim Höhersteigen zu flach gelegt wird, Rachen und Ton haltlos geöffnet werden. Man nennt das „offen singen". Es ruiniert jede Tonhöhe, der Sänger geht daran zugrunde. Stets müssen der Form wegen sich helle mit dunkeln Vokalen mischen, das flache offene a muss vermieden werden, immer muss es mit allen Hilfsvokalen gemischt sein, also mit allen Verbindungen der Fortpflanzungsform versehen sein. Man kann es auch sehr vernachlässigen - das kommt sehr oft vor -, gewiss ist, dass es lange nicht genügend ausgebeutet wird.

Wir Deutschen haben nur wenig Gelegenheit, zum Bewusstsein des Nasalen zu kommen, wir kennen es nur aus wenig Worten: E-ngel, la-nge, Ma-ng-el usw. immer dort, wo ng vor oder nach einem Vokal zusammentreffen.

Der Franzose hingegen singt und spricht immer nasal, mit hochgezogenem Gaumen und hoch daranliegendem Zungenrücken übertreibt er nicht selten. Durch Ausbreiten des Gaumens, das besonders bei Franzosen durch die Sprache und Macht der Gewohnheit sehr ausgebildet ist und dem Atem einen ungeheuren Spielraum als Resonanzfläche bietet, klingen die Stimmen oft kolossal. Sie haben nur den einen Nachteil, leicht monoton zu werden. Zuerst setzt uns die Fülle des Organs in Erstaunen, ein zweites Mal enttäuscht sie uns, die Tonfärbung bleibt immer dieselbe. Sie artet oft in Hohlheit aus. Stimmen hingegen, die zu wenig nasal singen, klingen hell, farb- und ausdruckslos.

Es gibt auch Sänger, die mit großer Vollendung einen Mittelweg finden, z. B. Meschaert.

Um Schüler auf das Nasale und die Elastizität des Gaumens überhaupt aufmerksam zu machen, lässt man sie öfter Übungen auf französischen Worten singen.

Das Nasale oder gegen die Nase singen (nicht zu verwechseln mit „Näseln", das durch zu hohe Kehlkopfstellung und ein Quetschen der Zunge auf e zuwege gebracht wird) kann gar nicht genug studiert und ausgenutzt werden. Seiner Klangeffekte, des Wohlklangs halber, sollte es bei allen Stimmgattungen reichlich verwendet werden. An ihm binden sich die Töne untereinander von der tiefsten Brust- bis zur höchsten Kopfstimme, alle Schönheit der Kantilene liegt an deren bewusster Verwendung. Von dieser Art, nasal zu singen, das ein Singen gegen die Nase bedeutet, ist bei Sängern immer nur die Rede. Gaumen und Zungenrücken zusammengelegt, bilden eine Deckung für den Ton, was man „den Ton decken" nennt. Im Französischen nennt man das: „Chanter dans le masque", was ich aber meine noch anders erklären zu können.

Wie wenig die Lehrer ihren Schülern davon erzählen, geht daraus hervor, dass viele Sänger gar nicht wissen, was nasal singen heißt, und sich mit dem Begriff: „gegen die Nase singen" herumquälen, wenn sie zufällig einmal davon hören. Gewöhnlich halten sie die Stimme für ein abgeschlossenes allein funktionierendes Organ, das einmal ist, wie es ist. Was man durch Kenntnis der Funktionen aller mitarbeitenden Organe aus ihr machen kann, davon ahnen sie nichts.

In folgenden Lagen wird gewöhnlich von guten Sängern „gedeckt": Bass a bis c; Bariton b bis c; Tenor h/c; Alt und Sopran g/a. Doch sollte das Tondecken schon auf vorhergehenden Tönen allmählich angefangen werden, damit es nicht plötzlich wie ein anderes Register klingt. Das Hinzuziehen des Vokals u bei aufsteigenden Tönen bringt die Deckung von selber mit sich. Man verstehe mich recht: das Hinzuziehen zu anderen Vokalen, nicht u allein; er stellt den Kehlkopf weicher, und damit wird das Hinaufgehen in höhere Lagen erleichtert, indem es die Resonanz in andere Formen lenkt. Bei Männerstimmen ist „die Deckung" auffallender wahrnehmbar als bei Frauenstimmen. Doch verlangen alle Stimmgattungen dessen Verwertung, wenn sie Anspruch auf Vollkommenheit und noblen Timbre erheben wollen.

Blinde Stimmen stammen aus der Übertreibung des Nasalen, das die betreffenden Sänger gegen die Kopftöne nicht genügend vermindern, das Gaumensegel also zu weit nach der Rachenwand ziehen und so den Weg gegen die Kopfhöhlen abschließen. Die Ursachen fehlerhafter Tongebung: gequetscht - zu platt gedrücktes e; hohl - zu leeres u, an dem e fehlt; spitz - zu scharfes i; flach - schlechtes, ungemischtes a; offen - mit offenem Rachen und platter Zunge ungemischtes a; knödlich - da liegt die Zunge auf dem Kehlkopf, schlechtes Aussprechen von e und i; hart - Atem und Organspannungen gekrampft; bibbrich, haltlos - Kehlkopf uneingestellt, mit Brust und Zwerchfellmuskeln unverbunden.

Viele Sänger trotzen der schlechten Gewohnheit, solange es die Natur aushält; mit der Zeit aber wird sich selbst bei den kräftigsten Naturen ein Zutiefsingen bemerkbar machen, bei weniger kräftigen das leidige Tremolo einstellen, an dem so viele Sänger zugrunde gehen.

Wie oft schon hörte ich junge Sänger sagen: „Meine Mittel reichen nicht mehr aus", während es nur an ungenügend benutzter Kopfhöhlenresonanz lag. Man sollte nie vergessen, dass, da die Lagen wechseln, die Stellung der Organe auch nicht dieselbe bleiben kann.

Nase [von Lilli Lehmann] Nasenempfindung und Nasenform. Eine der wichtigsten Stellungen, die mit dem ersten Atemruck des Ansatzes eng verbunden, ist das Blähen der Nasenflügel, Heben und Drängen der hinteren Nasenwand gegen die, durch das Blähen gebreitete Nase, welche wiederum die Segel erweitert und zur Mitarbeit befähigt. Der weiche Gaumen sowie die Segel haben hier einen starken Halt und Widerstand, an dem sie dauernd nach Bedürfnis sich erhöhen und senken können, ohne die Stellung, die ihnen der Halt gibt, ruinieren zu müssen. - Sobald man mit dem Atemruck die Nase - mit dem Kehlkopf das E dazu eingestellt hat, muss alsobald das ji sich daran schließen, das den Ton gegen die Nase vorbringt und über dem gesenkten Gaumen klingen lässt, indem die Zunge den Kehlkopf mit ji hinten ein wenig erhöht und die vordere Mundhöhle verengt. Es würde in der Empfindung so aussehen: e gradlinig allein, eji in der Verbindung. Das j und i steht im Gefühl fest an der Nasenwand. Das schräge e, d.i. die vordere Senkung des Kehlkopfes, drängt vorne herunter mit seiner E-Kraft gegen die Brustmuskeln, und kommt so - stets aufs Neue eingestellt und ausgesprochen - unter der stark angezogenen Nasenwand zu stehen wohin es immer gehört. Dies alles zusammen bringt also eine besondere Stellung des Gaumens zur Nasenwand hervor, die man halten kann, auch wenn das Kinn beim Aussprechen sich herunterbewegt, Töne und Buchstaben abgesetzt oder getrennt - also Lösungen vorgenommen werden. Sie hält die Verbindung des ganzen Muskelapparats von Mund, Hals, Rachen, Brust und Zwerchfell aufrecht, vorausgesetzt dass die Neueinstellung des Kehlkopfes nie vergessen wird.

An dieser möglichst aufrechtzuhaltenden oder stets aufs Neue zu schaffenden Stellung der Nase und des Gaumens heißt es nun alles an- und abzuschließen, was Ton und Wort betrifft. Auch bis zur Beendigung des Tones hat die Form standzuhalten, was der Zuhörer sehr wohl empfindet, indem der bei steter Aussprache von i - immer noch klingende Atem selbst nach Beendigung des Tons als lebendige Klangsuggestion daran gebunden ist für Sänger sowohl als Zuhörer. Die Bindemuskeln dieser Form, die sehr kräftig und ebenso elastisch ineinander greifen müssen, dürfen keinen Augenblick Lebendigkeit oder Tonfärbung außer Acht lassen, denen sie unaufhörlich neues Leben durch Aussprache des Kehlkopfes zuzuführen haben, die hauptsächlich in zu verengender oder leise sich erweitender - niemals brachliegender - Aussprache, sowie in äußerst geschickter Atemzu- und Abnahme besteht, die natürlich mit der Aussprache aufs Engste verbunden sind.

Es liegt etwas Nasales, dann auch wieder sehr Stabiles in dieser Bindungsform, die erweitert werden kann, ohne offene Töne hervorzubringen, die aufs Minimalste geschlossen werden kann, ohne Ton und Buchstaben das Licht auszublasen.

An dieser herrlichsten aller Singformen, welche die Nase hauptsächlich zu Wege bringt und uns empfinden lehrt, und unter Mithilfe aller umliegenden Organe, liegt das, was ich in meinem Gesang unaufhörlich in Ton und Buchstaben zu binden verstehe.

Durch Ausbreiten der Nasenflügel bläht sich das Gaumensegel. Die Nase vermittelt also dessen Funktion. Ohne die Vermittlung der Nase würde es teilnahmslos bleiben. Das energische Hinaufziehen der Muskelbänder an der Nase gegen Augen und Stirn, gegen die Schläfen und bis über die Ohren während des Singens sind außerordentlich wichtige Hilfsmittel. Die Vokale i und e beanspruchen diese gespannte Nasenstellung besonders; man tut aber sehr wohl daran, wenn man auch alle andern Vokale und alle Töne damit bedenkt, um sie klingend und tragfähig zu erhalten. Wir Sänger haben darauf zu achten, die angegebenen Nasenfunktionen beim Singen unaufhörlich zu erneuern. Kommt es doch vor, dass man bei Aussprache von Konsonanten, die in der e-Stellung gesprochen werden müssen, mit e anfangen und mit e endigen, wie z. B. n - der im Gesang wie ene gesprochen wird, - diese Nasenfunktionen in einem Buchstaben dreimal erneut werden müssen; abgesehen von den ganz feinen Wellnuancen, die beim Tönen im n selbst hervorzubringen sind. Alles das, um den Buchstaben klangbar zu machen. Davon später mehr. Nasen- und Zungentätigkeit sollten zuerst geübt werden. Man darf nie vergessen, dass die Nase nur bei geschlossenem Munde den Atem entweichen lässt. Sobald der Mund beim Singen geöffnet wird, verschließt sich die Nase dem Atem, um diesen hinter der Zunge und dem gesenkten Gaumen nach den Kopfhöhlen zu lenken. Man kann leicht die Probe daraufhin machen, indem man auf dem Vokal i singt und sich dabei die Nase zuhält.

Neid (als Affekt) [von Agnese Schebest] Ein wenig langsamer ist die Stimme, wenn sie Neid verkündigt, weil dies gemeiniglich einige Unterwürfigkeit voraussetzt. - Unter allen Leidenschaften, die das menschliche Gemüt bedrängen, ist wohl der Neid das größte aller Übel. Wäre Quintilian zuerst Sänger gewesen und alsdann Pfarrer geworden, so würde er den Neid in allen Farben und Zwischentönen haben studieren können. Schon der Künstlerneid ist kein liebenswürdiger Neid, doch ist es wenigstens jedem zu gönnen, sich für ein Genie, oder doch für ein verkanntes Genie zu halten, und danach zu streben, sich auch einen Lorbeer zu erringen. Nach dem Genieneid (manchmal auch schon vor diesem) kommt der Brotneid. Brot kann sich gewiss jedes, auch das kleinste Talent erwerben, aber freilich, andere Kuchen, Braten, Torten essen und Wein trinken sehen, und nicht mithalten dürfen, das schmerzt, zudem lehrt ja selbst die Schrift, dass der Mensch Wein, nicht immer Wasser trinken soll. Nach diesem kommt der Anbeterneid. Ach Gott! Und eine solche Anbetung ist oft nicht drei Batzen wert, viel weniger denn gar die Verblendung und Hinopferung einer armen Seele. Sind nun schon alle diese Neider um ihre Qualen nicht beneidenswert, so treten einem dieselben am friedlichen Herd des bürgerlichen Lebens noch weit vollsaftiger an Ton und Farbe entgegen. Da ist z.B.:

1) der schwarze Neid, der alles, was ihm unter die Hände kommt, (gleichsam wie ein Kaminfeger) schwarz macht, und auch keinen Faden an seinem Opfer weiß sein lässt;

2) der grüne Neid, der grün und lieblich von außen ist, auch am liebsten im Grünen sitzt und sich sonnt. Will jedoch ein anderes Erdenwürmlein auch ein wenig ins Grüne, husch ist er da und sticht und kneift, bis er dasselbe weggebissen hat;

3) der blaue Neid, der lässt, um sich auf schlaue Weise einiges Ansehen zu verschaffen, andere gern blau anlaufen;

4) kommt der gelbe Neid, dieser leidenschaftliche Dämon ist so unersättlich und gierig, dass er sich selbst beißt, wenn er andere nicht beißen kann.

... Und doch sind die Neider ein wahrer Segen für die Menschheit, wenn sie es auch nicht immer für sich selbst sind. Manche Leute würden jämmerlich verkümmern und versauern, wenn sie nicht so lange von Neidern gestochen, gekniffen und wohl gar beschmutzt würden, bis sie sich endlich mit allen Kräften ihrer Haut wehren.

Neun-Achtel-Takt [von M. H. Fuhrmann, 1730] Der Neun-Achtel-Takt hat so eine possierliche, hüpfende Mensur, dass wenn ein Kantor ein Stück daraus in der Kirche musizieren und dazu dirigieren sollte, kluge Leute nicht unbillig denken und wohl gar sagen würden: der Herr Director Musices hätte als ein Pauker in der Kirche recht artige Luftstreiche gemacht, und die Vokalisten ein geistlich quodlibet gesungen, und die Instrumentisten dazu eine lustige Gigue aufgespielt, weil alles so abenteuerlich und affenteuerlich gesprungen, gesungen und geklungen.

Niering, Willy (auch: Wilhelm/Willi) verh. Keilpflug; Stimmbildner, Bariton. Schüler von Manuel Garcia d.J., Jean de Reszke (traf dort Leo Slezak), Francesco d'Andrade (im Harz/Berlin) und Wolf (Wladyslaw) Seidemann. 1906: am Theater des Westens in Berlin; ohne Nr.; Wohn-Adresse: Charlottenburg, Augsburgerstr. 42; 1907: am Stadttheater Freiburg, Nr. 13980, Wohn-Adresse: Oberau 41; 1908: am Stadttheater Königsberg, Wohn-Adresse: Kesselstr. 6; 1909: am Stadttheater Nürnberg, Wohn-Adresse: Humboldtstr. 79, Nürnberg; 01.09.1911 bis 01.05.1913: am Stadttheater Magdeburg (Nr. 13980), Wohn-Adresse: Wißmannstr. 1; 1915: wie 1913, Wohn-Adresse: Halberstädter Str. 13 b; 1916: am Stadttheater Magdeburg, im Felde bzw. unter der Fahne; 1917-1922: Stadttheater Magdeburg, Wohn-Adresse: Roonstr. 2; 1923-1924: Städtisches Theater Magdeburg, gleiche Wohn-Adresse; 1925-1934: wohl nicht in Deutschland aktiv; 1935-1940: "Willi", Nr. 32143, als Schauspieler dem Stadttheater Magdeburg angeschlossen; 1941-1942: Schauspieler; 1943-1948: wohl nicht in Deutschland aktiv. Unterrichtete nach 1945 als Stimmbildner in Hamburg und Flensburg.

 

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